Im Tal der Tränen…

Ich glaube, so kann man den „Ort“ ruhig nennen, an dem ich mich gerade befinde. Von Zweifeln, Sorgen und Ängsten geplagt, stelle ich momentan vieles in Frage und fühle mich einfach stuck.

Wo ist sie nur hin die Euphorie von vor wenigen Monaten, als ich in meine Selbstständigkeit gestartet bin? Ich war so happy und stolz, dass ich jetzt mein eigenes Ding mache. Dass ich alles sein darf. Mir mein eigenes Business aufbauen darf. Natürlich ist das erst mal alles toll und schön. Es klingt auch toll, wenn man es anderen erzählt. „Ich bin jetzt selbstständig.“ Es bedeutet sehr viel Freiheit. Zu viel Freiheit?

Unter „Creative by Jenn“ hat sich ja doch einiges getan. Ich hab mein Gewerbe angemeldet, alle Formalitäten gemeistert, die Unternehmerschule besucht, bin auf Netzwerk-Veranstaltungen gegangen, habe alles getan, was man wohl tut, wenn man es wirklich ernst meint. Ich wollte mit Marketing und Social Media wachsen. Habe verschiedene Kunden betreut, Projekte mal mehr – mal weniger erfolgreich abgeschlossen, Onlineshops aufgebaut, Logos designt, mich einfach ausprobiert.

Und es war schön. Ja, mit Canva und KI kann ich mich stundenlang spielen und es macht mir wahnsinnig viel Spaß, Reels zu schneiden, Posts zu gestalten oder Events zu organisieren.

Aber jetzt mal ehrlich: Inzwischen nervt mich Social Media so richtig. Dieses ganze Marketing Gedöns. Bli bla blubb. Und seit ein paar Wochen merke ich, wie sich bei mir alles eher in die entgegengesetzte Richtung zieht. Es zieht mich weg von außen, mehr nach innen. Am liebsten würde ich mich „verstecken“. Mich eben nicht zeigen oder sichtbar sein. Mich zurückziehen. In meinen Zweifeln und meinem Selbstmitleid baden. Wie die Schildkröte, die ihren Panzer immer dabei hat und sich darin zurückziehen kann. Nur, dass ich nicht genau weiß, wo mein Panzer überhaupt liegt. Und ob, wie und wann ich da jemals wieder rauskommen möchte.

Ich weiß, dass auch das nur eine Phase ist. Hab ja schließlich Psychologie studiert. Das Witzige ist ja, wie der Mensch die ganzen Wahrnehmungs-Verzerrungen kennen und sie aber trotzdem durchleben kann. Doppelt blind quasi. Ich möchte hiermit auch niemanden belehren oder sonst was. Ich will mich einfach nur ausdrücken. Reflektieren, Gedanken sammeln und sortieren. Mich selbst verstehen und ja sogar mich fast schon ein bisschen erklären. So sehr wollte ich irgendwem irgendwas beweisen. Vielleicht auch „nur“ mir selbst. Wobei ich selber wahrscheinlich meine größte Kritikerin bin.

Aber momentan hab ich einfach das Gefühl, nicht ganz auf meinen eigenen Beinen zu stehen. Sollte ich mir nicht doch wieder einfach nen Job suchen? Zurück in die Sicherheit gehen? Ist das überhaupt sicher? Ich glaube nicht. So ein Angestelltenverhältnis ist doch auch nur vermeintliche Sicherheit. Vielleicht ist es auch der knallharte Spiegel der Selbstständigkeit, der mir gerade vorgehalten wird. Der mich fragt „was willst du eigentlich wirklich?“. Bisher wollte ich immer weg von irgendwas:

Weg aus dem Konzern -> rein in KMUs

Weg aus dem Vertrieb -> rein ins Marketing

Weg vom Angestellten -> rein in die Selbstständigkeit

Weg von Social Media -> hin zur Organisationsentwicklung

Weg aus Deutschland -> ab ins Ausland. Immer und immer wieder.

Wo will ich denn nun hin?

Und ich merke jetzt vielleicht, dass Selbstständigkeit ohne Vertrieb nicht funktioniert. Natürlich tut sie das nicht. Natürlich war mir irgendwo klar, dass Vertrieb zum eigenen Business dazu gehört. Was hatte ich denn auch gedacht, wo die Kunden herkommen? Natürlich wäre es schön, sich wie von Zauberhand finden zu lassen. Und wer mich kennt, weiß auch, dass ich keine Vertrieblerin bin. Ich kann das einfach nicht. Es liegt nicht in meiner Natur. Klar, es gibt auch Leute, die sagen, man müsste halt umdenken und den Vertrieb nicht als etwas „aufschwätzen“ sehen, sondern als unterlassene Hilfeleistung, wenn man sich NICHT anbietet. Aber das krieg ich -zumindest noch- nicht gebacken. Vielleicht soll es auch einfach nicht mein Weg sein.

Vielleicht versuche ich so dermaßen krampfhaft, die Erwartungen der Gesellschaft zu erfüllen, indem ich nicht doch nun endlich mal die eine Nische finde, die all meine Stärken und Interessen vereint. Aber vielleicht gibt es die einfach nicht. Vielleicht bin ich auch einfach ein Mensch, der verschiedene Dinge tun soll. Verschiedene Projekte angehen soll. Der die Frage „Was machst du beruflich“ eben nicht mit einem Satz beantworten wird. Geschweige denn mit einem Wort. Ich will das nicht. Ich weigere mich, mich in eine Schublade stecken zu lassen. Wenn ich in einer drin bin, will ich am liebsten schnell wieder raushüpfen, nur um zu zeigen, dass ihr alle falsch lagt. Älabätsch, denk ich mir dann. Ich bin halt doch nicht diejenige, die Marketing macht. Das kommt natürlich verwirrend rüber. Und ist nicht gerade hilfreich, sich Vertrauen bei den Kunden aufzubauen. Das versteh ich. Würde mich vermutlich auch verwirren, wenn ich mir selber zusehen würde.

Wisst ihr, ich liebe es zu schreiben. Zu tanzen, zu singen, zu reisen. Ich liebe die spanische Sprache und alles an Lateinamerika. Die Musik, die nicht in eine, nein nicht mal in zehn Schubladen passt. Mich interessieren Menschen und vor allem ihre Beweggründe, etwas zu tun. Am liebsten würd ich den ganzen Tag wie so ein neugieriges Kind fragen, warum jemand tut, was er tut. Und auch, warum er denn NICHT tut, was er eigentlich gerne tun würde. Was hält den Menschen denn davon ab, seine Träume zu leben? Warum nicht einfach mal ein Business starten und es wieder sein lassen, ohne Angst davor zu haben, was sich andere nun darüber ausmalen könnten? Ohne Angst vor Verurteilung. Warum nicht ne neue Sprache lernen? Warum nicht einfach mal für einen Winter nach Portugal ziehen, um von dort aus zu arbeiten? Warum nicht Dinge ausprobieren? Ich bin so ein riesen Verfechter des Ausprobierens.

Es ist paradox. So mutig ich immer war, ins Ausland zu gehen, meine Rucksackreisen ganz alleine durch Panama, Südafrika und Co zu machen. So offenherzig ich auf andere Menschen zugehe, weil meine Neugier und mein Sprachgeschick mich vorantreiben. So Schiss hab ich doch davor, zu scheitern. Irgendwem oder viel schlimmer noch mir selbst nicht gerecht zu werden. Nicht einfach sagen zu können, „ich mache XY“. Sondern zu sagen, ich bin noch dabei, mich zu finden. Vielleicht sollt ich es einfach wieder der Schildkröte nachtun, eben super langsam, in meinem Tempo. Vielleicht brauch ich meine Zeit, um zu sehen, dass das alles Bullshit ist. Dass es eine Welle gibt, die mich tragen wird. Und ich meinen Weg sehr wohl finden werde.

Und deshalb meine Damen und Herren, schreibe ich diesen Text. Weil es sich für mich tausend Mal natürlicher anfühlt, als Vertrieb. Auch wenn man damit kein Geld verdient. Ist es doch das, was mir gerade am leichtesten von der Hand geht. Und mich so ganz nebenbei vergessen lässt, wie viel Angst und Zweifel ich eigentlich gerade spüre.

2 Kommentare zu „Im Tal der Tränen…“

  1. Veronika Sagstetter

    Hello Jenny!

    Wenn du auf der Welle aus Tränen surfen lernen willst, helf ich dir ❤️ weil hey – ohne Wasser kommt man nicht weit als Surfer 😉

    Hab dich lieb
    Vroni

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen